nach Nadia

Grand Hotel Zell am See

 

Ich erbte von meinem Vater einen magischen Mercedes. Der fährt, wohin er will.  Er liebt Berge, wegen der Kurven, darum liebt er Österreich.  Und er liebt alte Grand Hotels. Er ist selber ein bisschen alt. Das passt. So brachte mich die Belle Epoche der Automobile  nach Zell am See. Gut gemacht, treuer Diesel. Heinz Erhard war hier, Chrustschow war hier, jetzt bin ich dran.  Es gibt Frauen, mit denen will man sofort schlafen, es gibt Hotels, in denen will man sofort wohnen. In beiden Fällen reicht schon die Fassade und es ist Liebe auf den ersten Blick. Für 150 bis 400,- Euro die Nacht. Kommt auf die Jahreszeit an. Im Sommer, wenn die Hitze in der Wüste unerträglich wird, verderben die Gäste aus den Vereinigten Emiraten  a bisserl die Preise. Auch die Atmosphäre. Wegen ihrer anti–alkoholischen Religion. Im Winter dagegen frohlockt katholischer Après-Ski. Drinnen wie draußen. Man braucht von der imperialen Piano Bar, mit Ivanov am Klavier,  nur ein paar Schritte in den Ort hinein zu gehen, um das Glück der Österreicher zu verstehen. Sie können nicht tanzen, aber sie können lustig sein. Das  finde ich besser als das umgekehrte Phänomen. Aber auch die Scheichs sind okay, denn sie gehen früh schlafen. Zurück im Grand Hotel gehört deshalb die ganze Pracht und Herrlichkeit  der Belle Epoche des Reisens mir und dem Nachtportier. Die Lobby, die Säle, die Wintergärten, die ineinander verschlungenen Terrassen , die Wendeltreppen und Pavillons, und nicht zuletzt der See. Er zählt zu den schönsten der Alpenrepublik, aber meine Seele beamt sich grad weit, weit weg. Sind das wirklich die Hohen Tauern, die ihn himmelhoch umstehen? Oder ist es der Himalaya?  Die Berge sind  so mächtig, und das Wasser so still. Vielleicht macht  auch einfach nur der Vollmond wieder mal seinen Job. Er spiegelt die Sonne und der See spiegelt ihn. Und ich mach gleich mit. Das ist Trittbrettfahren auf der  doppelten Transformation des Lichts. Auch der Morgen ist dann ohne Sorgen, wenn man das Zauberwort  kennt. Es heißt late Check Out. An ihm scheiden sich die Hotels. Wird er gewährt, sind sie gut, wenn nicht, sind sie schlecht. Weil es dafür eigentlich nur den guten Willen braucht und ein Telefonat mit dem Zimmermädchen. Mehr nicht. Traditionell muss man um 12 Uhr das Zimmer freigeben, je mieser die Moderne, desto mehr wird 11 Uhr daraus, und warum ausgerechnet das Grand Hotel Zell am See seine Gäste darum ersucht, sich bereits um 10.30 Uhr zu verpissen, verstehe ich einfach nicht. Denn das ist gegen das Konzept. Ein Traumhotel reißt einen nicht aus den Träumen.  Die Belle Epoche macht keinen Scheiß-Stress. Das Mädel an der Rezeption aber rettet im Dirndl umgehend die Perfektion.  Ich sage „14 Uhr“, und sie sagt „gerne“. Und schon stimmen sie wieder,  die vier Sterne.  Am Ende wird es später Nachmittag. Zweimal verlasse ich das Hotel, zweimal komme ich umgehend zurück. Nicht weil ich was vergessen habe, sondern weil ich mich von der heilen Welt nicht trennen will. Von einem Ufer–Tisch der Restaurantterrasse sehe ich auf Königspudel, Schwäne und ein Ruderboot, in dem ein Angler sitzt. Er macht das schon seit Stunden und bewegt dabei weder das Boot, noch sich. Die Zeit ist eine Postkarte geworden. Der Benz steht still.

​Zuerst erschienen im deutschen Wirtschaftsmagazin "Bilanz" (Gott hab es selig)

Credits

Text / Helge Timmerberg

Lektorat: Ada Delsolco

Translator: Artemis Meereis

Foto / Fjuan Federico Bartelsman

Marmor / Prairat Fhunta 

Hippies im Vondelpark / Fotograaf: Onbekend Bert Verhoeff / Anefo / Nationaal Archief / Commons Wikimedia

Monument op de Dam 1973 / Fotograaf: Bert Verhoeff / Anefo / Nationaal Archief Materiaalsoort / Commons Wikimedia

Wintertuin / NH Collection Grand Hotel Krasnapolsky /Wikimedia Commons

The Wintertuin / JvhertumWikimedia Commons

Red Light District / Thijs PaanakkerNon-physical cheat / Wikimedia Commons

Lektorat Ada Delsolco

Type: Bembo Std / download free fonts

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