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Cliffhänger

Ich kam mit der Seilbahn zum Drehort. Dort hatten sie von Fels zu Fels eine Hängebrücke gespannt und darunter ging es endlos bergab. Die Hängebrücke war schmal, sehr beweglich und an den Seiten nur durch zwei Laufseile gesichert. Acht Mal sah ich Sylvester Stallone dabei zu, wie er darüber rannte. Es schien ihn Kraft zu kosten und es sah komisch aus. Die Planken sackten unter seinen Füßen weg, er mußte wie ein Storch die Knie hochziehen, um vorwärts zu kommen. Sobald er die Mitte der Hängebrücke erreichte, sah er etwas vor sich, dass ihn erschreckte und dann lief er  zurück. Und alle am Set begannen laut von 1 bis 11 zu zählen. Der Regisseur, der Kameramann, die 100 Assistenten, alle zählten wie ein Mann, und auch Stallone, der jetzt mit vollem Einsatz und Eile über die Brücke jagte, zählte ebenfalls laut mit. Bei 11 war er mit einem Fuß von der Brücke.  „Phantastisch“, rief der Regisseur. „Perfekt. Aber ich will es noch mal.“ Sieben mal wiederholten sie die Szene, erst beim achten Versuch sprengten sie bei 11 die Hängebrücke in die Luft.

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Das Interview führten wir in einem schneeweißen Iglu-Hochgebirgszelt. Haartrockner hingen von den Eisengestangen und bliesen warme Luft auf Stallone, der sich mit Schweizer Schokolade und Schafskäse vollstopfte.  Er trug eine muskelenge schwarze Hose, ein sorgfältig verschmutztes braunes Bergführer T-Shirt und einen Rinnsal verkrustetes Blut auf der Stirn.

„Wie geht es Ihnen, Mr. Stallone?“

„Wie es mir geht? Nun, ich habe eine angeborene Höhenangst und hier ist es ziemlich hoch. Und diese unglaubliche Kälte und der Sauerstoffmangel sind sehr anstrengend. Aber seitdem ich merke, dass ich älter werde, pushe ich mich noch härter“.

 

„Und worum geht auf der Hängebrücke?“

„Um Moral. Eine Frau stürzt beim Bergsteigen ab, und ich versuche sie zu retten, schaffe es aber nicht. Ich fühle mich schuldig und verschwinde für Monate von der Bildfläche. Dann wird ein Flugzeug mit viel Geld an Bord gekidnappt und stürzt in den Bergen ab. Wie es das Schicksal will, soll ich die Insassen des Jets aus den Klippen holen. Ich bekomme also eine zweite Chance.“

 

„Wo ist da die Moral?“

„Du bist nicht schuldig, wenn du dein Bestes gegeben hast.“

„Und darum machen Sie auch noch immer die Stunts selbst?“

„Die meisten. Ich würde mich hassen, wenn ich es nicht täte.“

„Hat der Stress vielleicht auch mit der Konkurrenz zu tun? Ein Jahrzehnt waren Sie die unangefochtene Nummer 1 der Actionfilme. Seit „Terminator 2“ steht Schwarzenegger direkt neben Ihnen.“

„Das ist gesunder Wettbewerb. Als ich sah, wie gut Terminator 2 gemacht war, hat mich das schon sehr angespornt. Der große Unterschied zwischen seinen und meinen Filmen aber ist, dass wir nicht besonders viele Spezialeffekts benutzen. Da bin ich eher bescheiden. Ich setzte auf Aktion. Darum mag ich auch Rambo I so gern. Er war pure Action.“

„Erzählen Sie mir von Rambo V“

„Nein. Ich weiß selbst noch nichts darüber, außer, dass er diesmal gegen Umweltverbrecher kämpfen wird.“

 

„Sehr gute Idee. Was tun Sie privat für den Umweltschutz.“

„Nun, ich schränke meinen Wasserverbrauch ein. Ich gebe Greenpeace Kohle, aber im Grunde denke ich, dass es meine Aufgabe ist, Filme zu machen. Das habe ich gelernt. Den Leuten zu zeigen, was gut und böse ist.“

„Die Geschichten von Gut und Böse, die Sie erzählen, sind einfach. Privat aber sind Sie an Kunst und Poesie interessiert, sammeln Gemälde und lesen Satre. Ist da nicht ein Widerspruch zwischen dem oft komplexen Ausdruck der Kunst und den einfachen Geschichten, die Sie abfilmen?“

„Überhaupt nicht. Die meisten Bilder, die ich habe, beschäftigen sich mit Menschen und Mythen. Meine Filme behandeln dasselbe Thema. Die Mythen sind uralt. So alt, dass sie fast in der Genetik des Menschen sind. Im Unterbewußtsein. In den Träumen. Herkules ist zum Beispiel so ein Mythos.“

„Der Mythos vom Helden.“

„Exakt. Und es geht immer um dieselbe Frage. Wie wird ein Mensch zum Helden? Er hängt irgendwo rum, bekommt einen Auftrag, muss Prüfungen bestehen und am Ende kriegt er das halbe Königreich und die ganze Braut? Ist das kompliziert? Nein, es ist einfach. Und je näher du an diesen archaischen Mythen bist, wenn du einen Filmhelden schaffst, desto mehr triffst du den Nerv der Zuschauer. Du erzählst ihm eine Geschichte, die jeder versteht, weil sie jeder wieder erkennt. Denn es ist eine Geschichte, die tief in jedem steckt.“

„Sie wecken also mit Rambo oder Rocky den Helden im Zuschauer?“

„Ich küsse den Frosch, und er wird ein Krieger. Man kann das auch sehr viel komplizierter machen. Sie sprachen von Satre. Der ist sehr elitär. Aber ich betrachte es als meinen Job, und ich nenne es bewusst nur einen ‚Job‘, den einfachen Mann anzusprechen. Dafür brauche ich eine einfache Sprache.“

„Die Sprache der Gewalt?“

„Nun, ich glaube, da muss ich mal was erklären. Meine Filme beinhalten Gewalt. Aber Gewalt ist wie Luft. Es gibt sie überall. Jeder Anschlag auf die Sinne, physisch, psychisch oder verbal, ist Gewalt. Es geht immer um...ich habe etwas, und du willst es haben, du hast etwas, und ich will es haben. Also nehme ich es dir weg. Das ist Gewalt. Das ist biblisch. Das gibt es, seitdem die Menschheit existiert. Wir sind mit dieser aggressiven Veranlagung geboren. Wir wollen immer mehr. Unsere Filme sind da nur eine Bestandsaufnahme. Rambo kam, weil irgendjemand einen Krieg anfing. Ich habe Rambo erfunden. Aber nicht den Krieg. Wenn Sie wirklich Gewalt sehen wollen, dann schauen Sie in die Nachrichten.“

„Vorgestern brannte LA“.

„Ja, und was ich hier im TV davon gesehen habe, hat mich sehr deprimiert. Da wurde ja nicht vorrausgedacht. Sie waren ohne jegliche Organisation. Niemand wollte das System ändern. Es war keine politische Aktion. Es war reine Frustration. 90 Prozent der Rioters wußten nicht einmal, wer Rodney King ist. Sie benutzten seinen Namen als Entschuldigung, Häuser und Läden zu demolieren. Wenn die Rioters das Gericht in Brand gesteckt hätten, würde ich sagen: Gut, das ist ein Statement. Wenn sie die Polizeistationen angezündeten hätten, würde ich sagen: Gut, das kann ich verstehen. Aber was machen sie? Sie klauen Turnschuhe. Und das macht mich fertig. Richtig fertig.“

„Können Sie die Situation der  Schwarzen in den USA nicht verstehen?“

„Ich sage Ihnen, was ich nicht verstehe. Ich habe gelesen, dass die Rapper heutzutage die Symbolfiguren der schwarzen Jugendlichen in Amerika sind. Sie glauben nicht an Malcom X, sie glauben nicht an Martin Luther King,  sie glauben nicht an Frederick Douglass: Nein, sie glauben an Fucking Rappers. Das bedrückt mich.“

 

„Die schwarzen Jugendlichen bedrückt ein Wochenbudget von 5 Dollar. Sie verdienen 25 Millionen pro Film“.

„Nun, ich komme von der Straße. Ich bin in Hells Kitchen aufgewachsen, einem New Yorker Slum. Mein Vater hat mich halbtot geprügelt, und ich habe eine Zeit meiner Kindheit damit verbracht, Autoreifen aufzuschlitzen. Ich habe mich an meinen eigenen Haaren aus dem Dreck gezogen.“

Obwohl es zum Mainstream wurde, als Deep Throat herauskam, war Pornografie 1969 wirklich eine Randkunstform, die sich größtenteils auf Underground-8-mm-Filme beschränkte. Die Leute hinter Party bei Kitty and Stud's hätten mit einem echten Hardcore-Film niemals eine Distribution bekommen können, also haben sie einen Film über ein strittiges junges Paar gedreht, das eine leichte S & M-Party veranstaltet. Keine Szene ist aus der Ferne erotisch, besonders wenn die Charaktere Sex haben.

Stallone hasste das Drehbuch und wollte zunächst nichts damit zu tun haben, aber er schlief zu der Zeit in einer Bushaltestelle und konnte es nicht rechtfertigen, die Arbeit abzulehnen. "Entweder habe ich diesen Film gemacht oder jemanden ausgeraubt, weil ich am Ende - ganz am Ende - meines Seils war", sagte er 1978 zu Playboy . "Anstatt etwas Verzweifeltes zu tun, habe ich zwei Tage für 200 Dollar gearbeitet und mich rausgeholt." der Bushaltestelle. "

„Wie Rocky.“

„Genau. Und ich habe Rocky gemacht, um den Leuten zu zeigen, dass sie eine Chance haben, wenn sie hart arbeiten. An irgendwas muss der Mensch glauben, warum nicht an sich selbst?“

„Sie haben hart gearbeitet und es geschafft. Aber es gibt tausend andere, die ebenso hart arbeiten  und trotzdem verlieren. Wo ist der Unterschied zwischen Ihnen und den Anderen. Ist es Glück oder Bestimmung?“

„Sie meinen Reinkarnation?“

„Man kommt auf viele Gedanken. Ich habe gelesen, dass ihre Mutter Astrologin ist.“

„Die Idee, dass Seelen wiedergeboren werden und im Erfolg wie im Misserfolg das weitermachen, wo sie im letzten Leben aufgehört haben, hat für mich etwas Logisches. Aber auch etwas Spekulatives. Man kann es nur glauben. Wissen werden wir es nie. Jedenfalls nicht solange wir leben. Trotzdem weiß ich, was die Reinkarnation angeht, eine Sache  ganz genau.“

„Bitte, verraten Sie es mir?“

„Je härter wir arbeiten, desto besser die Bestimmung.“

Reinhold Würth

Herr der Schrauben

 von Helge Timmerberg

Als sein Vater verstarb, da war er gerade neunzehn. Er übernahm die elterliche Schraubenhandlung und schuf daraus ein Weltunternehmen mit 13,6 Milliarden Euro Umsatz und mehr als 77.000 Mitarbeitern (2018). Reinhold Würth hat es allen gezeigt: Künzelsau wurde zum Sitz eines Weltkonzerns. Wer ist dieser Mann, der durch Schrauben reich wurde und als vielleicht letzter Patriarch Deutschlands alle Entscheidungen in seinem Unternehmen kontrolliert bis ins letzte Detail? Wie waren seine Anfänge? Welche Rolle spielt seine Familie? Helge Timmerberg begibt sich auf die Spurensuche – und taucht tief ein in eine unglaubliche Geschichte von Macht und Milliarden …

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